Folge #7 Cold Case Bahndamm - Der Mord an Carmen Kampa (gelöst)

Shownotes

Erster Mai 1971, kurz vor Mitternacht, Bahnhof Bremen-Ossleppshausen: Fahrgäste des Nahverkehrszuges 4498 von Bremen-Hauptbahnhof nach Bremen-Fegesack sitzen im ruhigen hinteren Abteil im letzten Waggon. Sie sind abgelenkt von der Zeitung und den Durchsagen im Zug und warten auf die Ankunft am Hauptbahnhof. Als der Zug gerade den kleinen Bahnhof passiert blickt ein junger Mann nach draußen in die Dunkelheit der Nacht und beobachtet plötzlich einen Mann, der brutal auf eine Person einschlägt und mit ihr ringt. Gebannt vom Geschehen ist er nicht in der Lage, dem verzweifelt schreienden Opfer zu helfen. Der Zug fährt weiter. Am nächsten Bahnhof steigt der Zeuge aus und ruft umgehend die Polizei. Doch bei eintreffen der Beamten finden sie keinerlei Spuren eines Angriffs. Drei Tage später wird die Leiche der 17jährigen Carmen Kampa im Brachland hinter dem Bahnhof gefunden. Sie war vergewaltigt, gewürgt und erstochen worden. Eineinhalb Jahre danach glauben Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und Gericht, den Täter gefunden zu haben. Dies wird sich als einer der größten Justizirrtümer in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik herausstellen. Erst im neuen Jahrhundert rollt ein hartnäckiger Ermittler den Fall wieder auf. Und löst den wohl ersten bekannten Disko-Mord Deutschlands. Heute in Folge 7 von meinem Podcast Unsolved.

Danke euch fürs Zuhören 🫶🏼

Alle Fotos findet ihr immer einen Tag vor der Folge auf meinen Instagram-Kanälen @unsolved.podcast / @germantruecrime

Quellen: https://www.zdf.de/video/dokus/true-crime-ermittler-spektakulaere-kriminalfaelle-100/bahn-damm-zug-bremen-mord-true-crime-100 https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:e57322bf1716f8b3/ https://www.spiegel.de/politik/kein-anhalt-fuer-sexuelle-tatbereitschaft-a-cb52a48c-0002-0001-0000-000041019451 (1977) https://www.spiegel.de/panorama/justiz/der-dritte-mann-a-3dca83e0-0002-0001-0000-000166864736

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00:00:06: Es ist der erste Mai, hier kurz vor Mitternacht, Bahnhof Bremen Ostlapshausen.

00:00:13: Fahrgäste des Nahverkehrszugs, Vier, vier, neun, acht von Bremen Hauptbahnhof nach Bremen Fegesack sitzen im ruhigen hinteren Abteil im letzten Waggon.

00:00:23: Sie sind abgelenkt von der Zeitung und den Durchsagen im Zug und warten auf die Ankunft am Hauptbahnhof.

00:00:29: Als der Zug gerade den kleinen Bahnhof passiert, blickt ein junger Mann nach draußen in die Dunkelheit der Nacht und beobachtet plötzlich einen Mann, der brutal auf eine Person einschlägt und mit ihr ringt.

00:00:40: Geband vom Geschehen ist er nicht in der Lage, dem verzweifelt schreienden Opfer zu helfen.

00:00:45: Der Zug fährt weiter.

00:00:47: Am nächsten Bahnhof steigt der Zeuge aus und ruft umgehend die Polizei.

00:00:51: Doch bei Eintreffen der Beamten finden sie keinerlei Spuren eines Angriffs.

00:00:56: Drei Tage später wird die Leiche der siebzehnjährigen Carmen Camper in Brachland hinter dem Bahnhof gefunden.

00:01:02: Sie war vergewaltigt, gewürgt und erstochen worden.

00:01:06: Eineinhalb Jahre danach glauben Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und Gericht den Täter gefunden zu haben.

00:01:12: Dies wird sich als einer der größten Justizirtümer in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik herausstellen.

00:01:18: Erst im neuen Jahrhundert rollt ein hartnäckiger Ermittler den Fall wieder auf und löst den wohl ersten Bekannten Diskomort Deutschlands.

00:01:26: Heute in Folge sieben von meinem Podcast anzauft.

00:01:32: Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen die Gewaltverbrechen verüben, nie wirklich ungestraft davon kommen.

00:01:38: Das Gericht mag sie falsch sprechen, aber ob es das Gewissen ist, Karma oder das Universum, sie werden irgendwann für das Bestracht quasi getan haben.

00:01:56: Carmen Camper kommt am vierten Januar, nineteenhundertfünfzig, zur Welt.

00:02:01: Sie wächst bei ihren Eltern in Fegesack auf einem eher ländlich geprägten Stadtteil im Norden Bremenz.

00:02:07: Die Gegend ist ruhig, viele kennen sich untereinander, das Leben verläuft überschaubar.

00:02:13: Nach ihrem Abschluss beginnt Carmen als Verkäuferin in einem Schulladen zu arbeiten.

00:02:18: Es ist ein einfacher Beruf, aber er gibt ihr Struktur und ein eigenes Einkommen.

00:02:23: Über ihr privates Leben ist nur wenig bekannt.

00:02:27: Sie gilt als freundlich, zurückhaltend, eher unauffällig.

00:02:31: Vieles aus ihrem Alltag ist heute nicht mehr rekonstruierbar.

00:02:34: Deshalb springen wir an dieser Stelle direkt zum verhängnisvollen Tag des ersten Mai.

00:02:51: Die siebzehnjährige Carmen hat sich kurz vor von ihrem Freund getrennt.

00:02:56: Die Trennung belastet sie und um sich abzulenken, verbringt sie in dieser Zeit viel mit ihren Freundinnen.

00:03:03: Gemeinsame Abende geben ihr Halt, helfen ihr auf andere Gedanken zu kommen und in ihrer Nähe fühlt sie sich sicher und aufgehoben.

00:03:10: Ihre Freundinnen leben in Bremen aus Slapshausen.

00:03:13: Kamen fährt regelmäßig mit der Bahn dorthin, die Fahrt dauert etwa fünfzehn Minuten.

00:03:18: Häufiger Treffpunkt ist das Miramichi, eine Jugenddisco im südlichen Stadtteil, die für viele junge Menschen ein Ort zum Tanzen, reden und abschalten ist.

00:03:28: Auch an diesem Abend sind die Freundinnen dort verabredet.

00:03:31: Da alle noch minderjährig sind, beginnt ihr Abend früher als der der älteren Gäste.

00:03:36: Carmen weiß, dass sie nicht allzu lange bleiben kann, ihre Eltern erwarten sie zu Hause, spätestens um Mitternacht muss sie zurück sein.

00:03:43: Deshalb verlässt sie das Miramichi an diesem Abend meist früher als andere und verabschiedet sich, wenn die Nacht für die anderen gerade erst richtig beginnt.

00:03:51: Der Abend verläuft angenehm.

00:03:54: Als es schließlich Zeit ist zu gehen, nimmt Carmen Abschied von ihren Freundinnen.

00:03:59: Sie verlässt die Diskothek allein und macht sich auf dem Weg zum nahegelegenen Bahnhof.

00:04:05: Draußen ist es ruhig, der Himmel ist klar, ein kühler Wind zieht durch die Straßen und Carmen zieht ihre Jacke enger um sich, überrascht von der gesunkenen Temperatur.

00:04:15: Der Weg zum Bahnhof ist ihr vertraut, sie ist ihn schon oft gegangen und weiß, dass sie nicht allzu lange auf ihren Zug warten muss.

00:04:22: Dieser kommt jede Nacht eigentlich immer pünktlich, genau um die Uhr.

00:04:28: Alles folgt einer gewohnten Routine.

00:04:31: In dieser Nacht wird eine Anwohnerin aus dem Schlaf gerissen.

00:04:35: Aus der Nähe hört sie die Schreie einer jungen Frau, immer wieder heilen Hilferufe durch die Dunkelheit.

00:04:41: Instinktiv weiß sie, dass etwas nicht stimmt.

00:04:45: Sie weckt ihren Mann, auch er hört die verzweifelten Schreie deutlich.

00:04:50: Die Wohnung des Ehepaars liegt unweit des Bahnhofs in Bremen aus Lebshausen.

00:04:55: Beide zögern nicht lange und alarmieren die Polizei, die ihm zusichert, eine Streife zu schicken.

00:05:01: Etwa zur gleichen Zeit des Anrufs fährt ein Zug durch den Bahnhof.

00:05:06: Er hält dort nicht, sondern passiert den kleinen Bahnhof auf seinem Weg in Richtung Bremen-Nord.

00:05:11: In diesem Zug sitzt ein achzenjähriger Drucker-Reihrbeiter.

00:05:15: Die Gleise verlaufen an dieser Stelle leicht erhöht, darunter fällt das Gelände zu einem Abhang ab, der in eine schmale Grünfläche übergeht.

00:05:23: Als der Zug vorbei fährt, blickt der junge Mann nach unten und sieht dort eine Frau und ein Mann.

00:05:28: Die beiden scheinen miteinander zu ringen und zu kämpfen.

00:05:31: Die Frau schreit immer wieder laut um Hilfe, Dies hört er durch die kleinen geöffneten Fenster am oberen Abteil des Zuges.

00:05:38: Der Druckereierbeiter springt sofort auf, hemmert gegen die Fensterscheibe, versucht andere Fahrgäste auf das Geschehen aufmerksam zu machen, doch der Zug ist bereits weitergefahren.

00:05:49: Er begibt sich zum Schaffner und bittet ihn eindringlich, die Notbremse zu ziehen.

00:05:53: Der Schaffner erklärt jedoch, dass man sich inzwischen weit vom Bahnhof entfernt habe und ein Anhalten lange dauern würde.

00:05:59: Er rät dem jungen Mann am nächsten Bahnhof, die Polizei zu verständigen.

00:06:03: Mobiltelefone gibt es zu dieser Zeit noch nicht und so bleibt den Passagieren nichts anderes übrig als abzuwarten.

00:06:10: Am nächsten Bahnhof gelingt es dem Druckereierbeter endlich die Polizei zu alarmieren.

00:06:15: Damit liegen den Ermittlern nun zwei Meldungen vor, die ein sehr ähnliches Geschehenschildern.

00:06:21: Durch die Zeugenaussagen aus dem Zug gibt es erstmals auch eine grobe Personbeschreibung.

00:06:27: Der Mann soll etwa einst achzig groß gewesen sein und dunkle Haare gehabt haben.

00:06:32: Durch die Zeugenaussagen aus dem Zug gibt es erstmals auch eine grobe Personbeschreibung.

00:06:38: Der Mann soll etwa einst achtzig groß gewesen sein und dunkle Haare gehabt haben.

00:06:42: Mehr Details lassen sich unter den damaligen Sichtverhältnissen nicht erkennen.

00:06:46: Genau fünf Minuten später, um dreiundzwanzig Uhr einen Dreißig, trifft die Streife Roland-Ninzen am Grünstreifen neben dem Bahnhof ein.

00:06:54: Die Beamten durchsuchen das Gelände sorgfältig, leuchten den Bereich ab und suchen nach Spuren.

00:07:01: Doch sie finden nichts Auffälliges.

00:07:03: Keine verletzte Person, keine Anzeichen eines Kampfes, keine Hinweise, die auf ein Verbrechen hindeuten.

00:07:09: Zunächst werden daher keine weiteren Maßnahmen eingeleitet.

00:07:13: Am nächsten Morgen jedoch ändert sich die Situation grundlegend.

00:07:28: Kamens Vater macht sich früh auf den Weg zur Diskothek Miramichi.

00:07:33: Seine Tochter ist in der Nacht nicht nach Hause zurückgekehrt, ein Umstand, der ihn zutiefst beunruhigt.

00:07:39: Carmen gilt als zuverlässig und pünktlich.

00:07:43: Ihr Ausbleiben passt überhaupt nicht zu ihr.

00:07:46: Die Sorge wächst mit jeder Stunde.

00:07:48: Auch Kamens Freundinnen können ihm keine Gewissheit geben.

00:07:52: Sie berichten lediglich, dass Carmen die Diskothek wie üblich verlassen habe, um sich auf den Weg zum Bahnhof zu machen.

00:07:58: Danach haben sie nichts mehr von ihr gehört.

00:08:01: In der Diskothek selbst trifft der Vater nur auf die Reinigungskraft, die gerade dabei ist, die Spuren der vergangenen Nacht zu beseitigen.

00:08:08: Auch sie kann keine Hinweise geben, die weiterhelfen könnten.

00:08:11: Carmen's Vater sucht weiter, spricht mit Menschen, läuft durch die Stadt, hofft auf irgendeinen Anhaltspunkt.

00:08:18: Doch die Suche bleibt erfolglos.

00:08:20: Am Abend des zweiten Mai meldet er seine Tochter schließlich als vermisst.

00:08:25: Zunächst scheint Carmen wie vom Erdboden verschluckt, niemand will sie gesehen haben, es gibt keine konkreten Hinweise auf ihren Verbleib.

00:08:33: Drei Tage nach den gemeldeten Hilferufen der Polizei entkommen zwei Jugendliche aus einer nahegelegenen Justizvollzugsanstalt.

00:08:42: Die Fahndung nach ihnen wird auf das sumpfige Gelände hinter dem Bahnhof im Gewerbegebiet ausgeweitet.

00:08:48: Während der Suche stoßen die Beamten auf die Leiche einer Jungfrau rund hundertfünfzig Meter von jenem Bahndamm entfernt, an dem der Zeuge die Hilfeschreihe mitbekommen hatte.

00:08:58: Kamens Vater erfährt aus dem Radio von dem Leichenfund.

00:09:02: Er eilt zum Bahnhofsgelände und identifiziert die Tote, als die seiner Tochter Carmen.

00:09:08: Der Körper ist nur teilweise begleitet, auf der linken Brustseite finden sich vier Einstiche einer stilettartigen Waffe.

00:09:16: Einer davon, wie die spätere Obduktion zeigt, hat das Herz getroffen.

00:09:21: Zuvor wurde Carmen erwürgt, im unterleibsichergestellte Sperma belegt eindeutig, dass sie dazu ebenfalls vergewaltigt worden war.

00:09:30: Außerdem fehlen ihre Handtasche, ihr Armband und ihre Goldkette.

00:09:34: Beide Obduktionen entdecken die ja mittlerweile fremde Haare an Kamens Kleidung.

00:09:39: Doch die forensischen Möglichkeiten der frühen siebziger Jahre sind stark begrenzt.

00:09:44: Ohne einen konkreten Tatverdächtigen lassen sich aus diesen Spuren keine verwertbaren Erkenntnisse gewinnen.

00:09:50: In den folgenden Wochen setzt die Polizei alles daran, den Täter zu finden.

00:09:55: Zeugen werden gesucht, Hinweise überprüft, Spuren gesichert.

00:10:00: Am Ende entstehen mehr als tausend Spurenakten.

00:10:04: Doch genau diese Fülle an Informationen wird zum Problem.

00:10:08: Viele Aussagen widersprechen sich, manche erweisen sich später als falsch oder unzuverlässig.

00:10:14: Für Diamitler wird es zunehmend schwieriger, glaubwürdige Hinweise von Irrtümern und Fehlwahrnehmungen zu unterscheiden.

00:10:21: Da DNA-Analysen im Jahr neunzehntenundseinzig noch nicht zur Verfügung stehen, sind Diamitler auf klassische Indizien angewiesen.

00:10:29: Es beginnt eine, Zitat, kaum glaubliche Ermittlungstragedier, wie Rechtsanwalt Heinrich Hannover später die Arbeit der zuständigen Beamten beschreiben wird.

00:10:38: Heinrich Hannover wird im weiteren Verlauf des Verfahrens eine entscheidende Rolle spielen.

00:10:43: Am fünften Mai, einen Tag nach dem Auffinden der Leiche, vernimmt die Mordkommission Bremen den achtzehnjährigen Zeugen, der die Tat als Erster aus dem Fenster des Zuges beobachtet haben will.

00:10:54: Seine Täterbeschreibung bleibt Waage und passt auf viele Personen der siebziger Jahre.

00:10:59: Der Mann sei kräftig gebaut, dunkelhaarig, etwa einst achzig groß, etwa ein halben bis ganzen Kopf größer als das Mädchen.

00:11:07: Er habe einen dunklen Anzug getragen, darunter ein weißen Pullover oder ein weißes Hemd.

00:11:13: Das Gesicht habe er nicht erkennen können, das Haar sei allerdings dunkel gewesen, normal geschnitten.

00:11:19: Der Weserkorrie berichtet am sechsten Mai, die Mordkommission habe bislang wenig Verwertbares von dem Zeugen erfahren.

00:11:27: Über den weißen Polovar oder das Hemd wird nicht berichtet, offenbar weil der Kriminalpolizei hierzu widersprüchliche Angaben vorliegen.

00:11:35: Denn ein weiterer Augenzeuge, der ebenfalls ans geöffnete Zugfenster getreten war, schildert den Täter völlig anders.

00:11:43: Etwa ein siebzig groß, lange schwarze Haare und eine helle Jacke.

00:11:49: Die Frage drängt sich auf, ob es womöglich zwei Täter gab.

00:11:53: Auch der Umstand, dass die Leiche offenbar rund hundertfünfzig Meter vom Tatort bis zum späteren Fundort getragen wurde, spricht dafür, Schleifspuren fehlen allerdings vollständig.

00:12:04: Die ermittelnden Beamten Albert Ehrenberg und Gerhard Struve ziehen diese Möglichkeit durchaus im Betracht, verfolgen sie jedoch nicht konsequent ohne greifbares Ergebnis.

00:12:14: Am selben Tag, an dem der Zeugenaufruf in der Presse erscheint, geht bei der Kriminalpolizei ein anonymer Anruf ein.

00:12:23: Der Mann behauptet, Karmet Kampa sei von zwei Männern in den Weg am Eisenbahndamm gezerrt und dort von beiden vergewaltigt worden.

00:12:31: Einer der Täter habe sie anschließend erstochen, danach hätten beide die Leiche ins Morgelände geschleppt und verscharrt.

00:12:39: Der Anrufer gibt an, die Tat aus etwa zwölf Metern Entfernung beobachtet zu haben.

00:12:44: Außerdem scheint der Anrufer über erstaunlich detaillierte Kenntnisse zu verfügen.

00:12:49: So weiß er auch, dass er mit Kampa am ersten Mai erst gegen zwanzig Uhr das Lokalmira Michi betreten habe, eine Angabe, die sich später mit Zeugenaussagen deckt.

00:12:59: Die Ermittler verfolgen diese Spur, doch sie verläuft wie so viele im Sande.

00:13:04: Der von dem Anrufer genannte Name ist falsch, ebenso die Adresse.

00:13:09: erstellt sich heraus, dass derselbe Name der Polizei bereits mehrfach von anonymen Anrufer genannt wurde, offenbar um falsche Pferden zu legen.

00:13:17: Erst am zwanzigten Juli, neunzehn-ein-sebzig, fertigen die Ermittler aus der Erinnerung ein Aktenvermerk über das Telefonat an.

00:13:23: Und erst am achtenzwanzigsten Augusten, neunzehn-ein-sebzig fordern sie den anonymen Anrufer öffentlich über die Tagespresse auf, sich zu melden.

00:13:33: Der Mann bleibt unbekannt, bis heute, möglicherweise, war er der Täter oder einer von ihnen.

00:13:39: Am sechsten Mai wird eine weitere Personenbeschreibung veröffentlicht, diesmal von einer Zeugin, die keine Augenzeugen der Tat war.

00:13:48: Sie berichtet von einem jungen schlanken Mann mit aschblonden, streng nach hinten gekämmten Haaren, hellen Augen und einem schmalen Mund.

00:14:00: Dieser Mann sei ihr seit etwa einem Vierteljahr in der Umgebung des Osleppshauser Bahnhofs aufgefallen.

00:14:06: Dass sie ihn in der Tat Nacht gesehen habe, sagt sie nichts.

00:14:09: Auch diese Spur Nummer sechs führt nicht weiter.

00:14:12: Am dritten Juni, einen Plakataktion startet, am siebten August folgt eine Zeitungsanzeige der Staatsanwaltschaft.

00:14:22: Die Bevölkerung wird zur Mithilfe aufgerufen.

00:14:26: Der gesuchte Täter wird beschrieben, als etwa zwanzig bis dreißig Jahre alt, eins-achtzig groß, schlank, ovales Gesicht, fast schwarze nach hinten gekämmte Haare, dunkler Hautton, Kotletten bis zu den Ohrläppchen.

00:14:40: Seine Bekleidung wird beschrieben als ein dunkler Anzug und ein weißer leichter Pullover.

00:14:45: Für Hinweise zum Täter wird eine Belohnung von zehntausend Mark ausgesetzt, eine damals ungewöhnlich hohe Summe.

00:14:53: Erstmals ist in der Anzeige auch von einem möglichen zweiten Täter die Rede, der in Tatort Nähe gesehen worden sein soll.

00:14:59: Zudem soll er eine dunkelbraune Hose, eine beigefarbende Jacke und eine auffällige Armbanduhr getragen haben.

00:15:05: Die Staatsanwaltschaft Bremen skizziert das Geschehen erstmals wie folgt.

00:15:09: Nach dem Verzehr von Bratwurst und Kohler hätten die beiden Männer das Lokal mit dem Namen Parkgaststätte ohne zu bezahlen verlassen.

00:15:16: Gemeinsam mit Carmen, mit der Bemerkung, sie wollten ins Miramichi zurückkehren.

00:15:21: Dort wird Carmen Kamper kurz nach zwanzig Uhr gesehen.

00:15:24: Um dreiundzwanzig Uhr zehn verlässt Carmen das Lokal, um den Zug um dreiundzwanzig Uhr sechsundzwanzig nach Hause zu nehmen.

00:15:31: Für jeden Hinweis legen die ja mittlerweile akribisch nummerierte Spurenakten an, insgesamt tausend einhundertzwanzig, verteilt auf achtenvierzig dicke Ordner.

00:15:41: Jeder einzelnen Spur wird nachgegangen, doch nur wenige erscheinen dem Beamten erfolgsversprechend.

00:15:46: Die meisten Akten umfassen nur wenige Seiten und werden rasch wieder geschlossen und gelöscht.

00:15:52: Eine Ausnahme jedoch bildet die Akte Nummer neunundfünfzig mit ganzen hundertsiebenundneunzig Seiten.

00:15:58: Sie betrifft den thirty-jährigen Helmut Harinegg, vorbestraft bekannt als Weiberheld, mit einer Vorliebe für junge Frauen, der sich selber gerne als Zitat geiler Typ bezeichnete.

00:16:11: An dieser Stelle hört ihr einen Ausschnitt des Interviews mit Helmut Harinegg aus einer alten Dokum, die ich noch im Archiv vom Norddeutschen Rundfunk finden konnte.

00:16:26: Das ist um meine Natur auch hier so, immer viel unterwegs.

00:16:37: Auf der Hauptschau und was weiß ich nicht.

00:16:39: Da sind so viele Mädels gehabt damals.

00:16:43: Mit meinen Kollegen zusammen so.

00:16:48: So liebhaft auch.

00:16:50: Geiler Typ sagt man dann mal.

00:16:53: Zeugen bestätigen, dass er am Abend des ersten Mai, im Miramichi mit Carmen Kampa gesprochen hat.

00:17:01: Am Tag des Leichenfundes bringt er drei Anzüge, darunter zwei dunkle, zur chemischen Reinigung, als Eilauftrag.

00:17:08: Der Verdacht liegt nahe, dass Blutspuren beseitigt werden sollten, bleibt jedoch Spekulation.

00:17:14: Harinek holt die Anzüge erst deutlich später ab.

00:17:18: Als die Beamten ihn vernehmen wollen, erklärt er, habe die Anzüge reinigen lassen, um seine Kreditwürdigkeit vorzutäuschen.

00:17:25: Einen dunklen Blazer mit weißem Rollkragenpullover habe er an jenem Abend des ersten Mai tatsächlich getragen.

00:17:32: Wohin er nach dem Verlassen der Gaststätte gegangen sei, wisse er jedoch nicht mehr.

00:17:37: Die Ermittler reagieren skeptisch, sie konfrontieren ihn mit früheren Aussagen, wonach er zwei bis dreimal in der Gaststätte zum Bahnhof gewesen sei.

00:17:45: Im Polizeiprotokoll der Akte heißt es, Zitat Wenn Sie am Abend des ersten Mai zum letzten Mal dort waren, müssen Sie doch wissen, wohin Sie gegangen sind.

00:17:56: Doch Helmut Harinek schweigt eine Spur, die die Ermittler vorerst auf Eis legen.

00:18:01: Ein weiterer Hinweis erreicht die Polizei vom Norddeutschen Überwachungsinstitut, genauer gesagt von zwei Wachmännern, die ausgesagt hätten, ein Kollege könne Ihnen eventuell weiterhelfen.

00:18:13: Um ihre Arbeit nachzuweisen, mussten die Wachmänner in den siebziger Jahren eine Stechuhr bedienen, um so die Uhrzeiten zu belegen, an denen sie an den einzelnen Gebäuden vor Ort waren.

00:18:24: Ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit.

00:18:38: Eine sogenannte Stechuhr aus den siebziger Jahren war ein mechanisches oder elektromechanisches Gerät zur Zeiterfassung von Arbeits- und Kontrollzeiten etwa bei Wachmännern.

00:18:49: Jeder Mitarbeiter besaß eine persönliche Stempelkarte aus Karton und einen Schlüssel.

00:18:55: Bei Dienstbeginn, bei Kontrollgängen oder bei Dienstende wurden diese Karte samt Schlüssel in einen Schlitz der Stechur gesteckt.

00:19:03: Durch das Betätigen eines Hebelts oder Knopfes druckte die Uhr automatisch die aktuelle Uhrzeit und oft auch das Datum einer festgelegten Position auf der Karte und auf einer Papierrolle.

00:19:14: Die Uhrzeit wurde dabei von einem internen Uhrwerk gesteuert, das regelmäßig manuell eingestellt werden musste.

00:19:21: Bei Wachmännern wurden die Karten häufig zu festen Zeiten oder an bestimmten Stationen gestempelt, um nachzuweisen, dass die Rundgänge auch sachmäßig durchgeführt wurden.

00:19:30: Die ausgefüllten Stempelkarten dienen anschließend als Nachweis für Arbeitszeiten, Anwesenheit und Pflichterfüllung.

00:19:37: Einige Stechuhen aus den siebziger Jahren besaßen ein abschließbares Gehäuse, das mit einem speziellen Schlüssel geöffnet werden konnte.

00:19:45: Mit diesem Schlüssel ließ sich das Uhrwerk zugänglich machen, so dass die interne Zeit manuell vor und zurückgestellt werden konnte.

00:19:52: Dadurch konnten bereits gestempelte Zeiten im Nachhinein verfälscht oder kommende Stempelungen gezielt beeinflusst werden.

00:19:59: In manchen Fällen konnte auch der Stempelmechanismus selbst justiert oder blockiert werden.

00:20:05: so dass Einträge fehlten oder zeitlich verschoben erschienen.

00:20:09: Da diese Schlüssel oft nicht streng kontrolliert wurden oder im Umlauf waren, bot das Schloss keinen wirksam Schutz vor absichtlicher Manipulation.

00:20:19: Die Zeugen sagten, an einer Firma am Bahndamm hänge ein Schlüssel, den der Kollege in der Tatnacht benutzt haben muss.

00:20:26: Als sie den Kollegen, der als Hermann E. identifiziert wird, befragen, stellen sie schnell fest, dass er ein Dieb und Betrüger ist.

00:20:34: Er hatte in den Firmen, die er bewachen soll, mehrfach geklaut und Nachschlüssel hat anfettigen lassen, um die Stempelzeiten zu manipulieren und so nachts schlafen konnte, statt zu arbeiten.

00:20:45: Genauso sei es auch in der Tat Nacht gewesen, Hermann E. wird deshalb vorerst nicht weiter von der Polizei durchleuchtet.

00:21:01: Irgendwo hier muss sie ihren Mörder getroffen haben.

00:21:05: In einer Kneipe stoßen die Beamten auf eine neue Spur.

00:21:11: Die Hartnäckigkeit, mit der die Beamten immer wieder von vorn angefangen haben, hat sich, wie sie gleich sehen werden, schließlich doch gelohnt.

00:21:19: In einer Gaststätte, die zwischen dem Jugendlokal Miramichi und dem Bahnhof liegt, stoßen die Beamten auf eine ganz neue Spür.

00:21:26: Tja, der hat mir hier seine Schlüssel gegeben.

00:21:31: Da wollte nämlich nicht mehr fahren, weil er ziemlich viel getrunken hatte.

00:21:35: Ich dachte natürlich, dass er zurückkommt und sich die Schlüssel holt.

00:21:38: Aber jetzt, nach drei Monaten, kommt es mir halt doch komisch vor.

00:21:43: An dem Schlüsselbund befinden sich unter anderem ein Autoschlüssel für einen Opelkadett und ein einfacher Zimmertürschlüssel.

00:21:51: Wissen Sie noch, wie der Mann aussah?

00:21:53: Ja, ziemlich genau.

00:21:55: Ich sehe die noch so richtig vor mir.

00:21:57: Nach den Angaben der Wörtinnen hat die Polizei diese Zeichnung anfertigen lassen.

00:22:03: Die Ermittler fokussieren sich auf Kamens Weg von der Disco bis zum Bahnhof, der an mehreren Kneipen vorbeiführt.

00:22:11: Hier schlossen sie auf eine neue Spur eine sehr interessante.

00:22:15: Eine Wirtin einer Kneipe übergibt den Beamten einen Schlüsselbund, den ein Gast bei ihr abgegeben hatte, da er wohl zu viel getrunken hatte.

00:22:24: Sie finden einen Schlüssel zu einem Opelkadett und einen einfachen Haustürschlüssel.

00:22:29: Über zwei Jahre dauert es bis die Beamten den Mann finden können.

00:22:34: Es handelt sich um Otto Becker, einen Bauarbeiter und Kneipengänger aus dem Ort.

00:22:39: Mehrfach vorbestraft wegen Autodiebstählen.

00:22:43: Der Ausgangspunkt dieser Wende liegt im Mai, in der Mitte des Jahres.

00:22:48: Ein zu Mordkommission Abgeordneter-Polizeilemeister stieß beim Aktenstudium auf eine Täterbeschreibung, dunkler Haare, dunkler Anzug, weißer Polovar, die ihn an einem Mann erinnerte, den er in der Mitte des Jahres kontrolliert hatte.

00:23:04: Dieser Mann fuhr damals einen roten Opelkadett, der später beschädigt aufgefunden wurde.

00:23:10: Der entscheidende Zusammenhang der Schlüssel zu genau diesem Opel Cadet war in der Tat Nacht von dem Mann der Wirtin der Gaststätte zum Bahnhof als Pfand übergeben worden.

00:23:20: Die Gaststätte lag unweit vom Tatort des späteren Mordes an Kamenkampa.

00:23:27: So geriet Otto Becker ins Visier der Mittler.

00:23:31: Er hatte den Opel Cadet, einen Freund entwendet, war ohne Führerschein gefahren und hatte das Auto nach einem Unfall stehen lassen.

00:23:40: Den Schlüssel behielt er, bis er ihn in der Nacht vom ersten auf den zweiten Mai einsehbzig der Vierten als Pfand überließ und später nach einer geprellten Zeche nicht mehr abholte.

00:23:51: Der alkoholabhängige und homosexuelle Otto Becker, der nahezu täglich in Kneipentrank gibt an sich nicht mehr genau zu erinnern.

00:24:00: Dennoch unterstellen ihm die Beamten zunehmend eine konkrete Tatnähe.

00:24:05: Auch hier hört ihr einen Interviewausschnitt aus der Doku aus dem NDR-Archiv.

00:24:10: Die Kollegen von Radio Bremen hatten Otto Becker damals in seiner Wohnung befragt.

00:24:25: Die leitenden Ermittler Ehrenberg und Struve legen sich schließlich auf Becker als Täter fest.

00:24:38: Sie behandeln ihn freundlich, beinahe fürsorglich und bewegen ihn dazu, einer Veröffentlichung seiner Polizeifotos zuzustimmen.

00:24:47: Die Presse bittet um Hinweise ausdrücklich unter Verweis auf die ausgesetzte Belohnung.

00:24:52: Mehrere Zeugen melden sich, eine Frau, die Otto Becker immer Gila nannte, gibt an ihm am Abend des ersten Mai im Miramichi gesehen zu haben.

00:25:02: Eine weitere Zeugin erkennt ihn Jahre später als den Mann wieder, der sie kurz vor Mitternacht auf der Ritterhuder Herrstraße nach der Uhrzeit gefragt hatte.

00:25:11: Ein Kriminalbeamter vermerkt dazu, dass Sie vorsichtige Zweifel an Ihrer Glaubwürdigkeit haben.

00:25:18: Am vierten Juni, neunzehnertreinzig, wurde Otto Becker erstmals polizeilich vernommen.

00:25:24: Er erklärte, kamen Kamper weder gesehen, noch getroffen zu haben.

00:25:29: Das Lokal Miramichi, das sie kurz bei ihrem Tod verlassen hatte, habe er nie betreten.

00:25:42: Bei einer erneuten Vernehmung am eindreißten Oktober dreiundsiebzig bestritt Becker diese Aussagen zunächst.

00:25:49: Nach Gegenüberstellungen räumte er ein, möglicherweise in Miramichi gewesen zu sein, wenn die Zeugen das sage, werde es wohl stimmen.

00:25:58: Vor allem erklärte er die Hilfeschreihe von Carmen Camper tatsächlich gehört zu haben.

00:26:04: Am ersten November dreihundzig wurde er dann richterlich vernommen.

00:26:09: Der Richter lehnte einen Haftbefehl ab, doch die Staatsanwaltschaft setzte ihn am dreizehnt November durch.

00:26:16: Einen Tag später wider rief Becker seine Aussage zu den Schreien.

00:26:20: Er habe sie nur gemacht, um die Polizei zufriedenzustellen und freigelassen zu werden.

00:26:27: Hier ein weiterer Interview-Schnipsel von Otto Becker bei den Kollegen von Radio Bremen.

00:26:47: Im zweiten Prozess wurden zentrale Punkte neu bewertet.

00:26:52: Der Zugzeuge, auf dessen Aussage das erste Urteil maßgeblich gestützt war, erklärte nun, er sei möglicherweise voreingenommen gewesen, als er Becker identifizierte.

00:27:01: Er habe ihn zuvor in Handschellen gesehen.

00:27:04: Mit siebenundachtzig Seiten Umfang ist das Urteil des Schworgerichts Bremen vom vierzehnten Januar.

00:27:24: neunzehnundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundund.

00:28:05: Das Schwurgericht unter Vorsitz von Bernhard Adolf Krohme, selbst erst sieben- dreißig Jahre alt, sprach Becker der Vergewaltigung in Tarteinheit mit Mord schuldig und verhängte eine Gesamtfreiheitstrafe von zwölf Jahren und drei Monaten.

00:28:20: Kaum jemand glaubte damals, dass die von Becker beim Bundesgerichtshof eingelegte Revisionen Erfolg haben könnte.

00:28:27: Bernhard Krohme galt als brillanter Jurist, der seine Urteil rechtlich unangreifbar formulieren würde.

00:28:34: Doch Beckers Verteidiger, der renommierte Bremer Strafverteidiger Heinrich Hannover, war von der Unschuld seines Mandanten überzeugt und blieb hartnäckig.

00:28:43: Bei der ersten Durchsicht der Gerichtsakten stieß Hannover auf einen gravierenden Fehler.

00:28:49: Das Schwurgericht, das damals noch mit sechs Leinrichtern besetzt war, hatte nicht die ausgelöste Chefin angehört, sondern ihren Ehemann.

00:28:57: Ein formeller, aber zwingender Verstoß, ein sogenannte absoluter Revisionsgrund.

00:29:03: Im November fünfundsebzig hob der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Becker auf, zu diesem Zeitpunkt war er bereits auf freiem Fuß.

00:29:10: Denn inzwischen war etwas aufgetaucht, das den Fall Carmen Camper grundlegend veränderte.

00:29:18: Die sogenannte Spurenakte hundertfünfundreißig.

00:29:26: Diese Spurenakte befasste sich mit einem Mann, der zuvor bereits in dem Topf der Verdächtigen auftauchte, einem, der mindestens ebenso tatverdächtig war, wie Otto Becker.

00:29:37: Bis heute wird in Bremen von den ominösen Umständen gesprochen, unter denen diese Akte verschwand und später wieder auftauchte.

00:29:45: Ohne das massive, beinahe kompromisslose Engagement von Rechtsanwalt Heinrich Hannover wäre die Akte wohl für immer verschwunden geblieben.

00:29:54: Um wen es in diese Akte geht, erzähle ich euch gleich.

00:30:10: Im November-sechsen-sebzig begann die zweite Hauptverhandlung gegen Otto Becker, der seit April-fünf-sebzig nicht mehr in Untersuchungshaft saß.

00:30:19: Am sechzehnten Verhandlungstag, kurz vor Jahresende, endete das Verfahren mit einem Freispruch.

00:30:26: Zwar erklärte das Gericht in der mündlichen Urteilsbegründung, ist sein Zitat insgesamt noch erhebliche Verdachtsmomente verblieben, doch diese Formulierung darf nicht überbewertet werden.

00:30:37: Denn unter dem Vorsitz von Richter Heinz Günther Bartolo May hatte das Gericht die Beweisführung der ersten Verurteilung faktisch zerlegt.

00:30:45: Die Indizien, die fünfundsebzig zur Verurteilung geführt hatten, wurden als nicht tragfähig erkannt.

00:30:50: Dem neuen Gericht kann kaum vorgeworfen werden, aus Kollegalität Rücksicht genommen zu haben.

00:30:56: Das erste Gericht war davon ausgegangen, Becker habe innerhalb von etwa fünfzehn Minuten kamen Kampa überwältigt, über hundert Meter getragen, vergewaltigt, erwürgt und erstochen und sei anschließend einer Zeugin ohne sichtbare Verschmutzungen begegnet.

00:31:13: Das zweite Gericht hielt fest, die Zeugen habe keinerlei Schmutz an Bäckers Kleidung bemerkt, obwohl das Gelände sehr dreckig und moorlastig war.

00:31:21: Hinzu kam ein entscheidendes psychologisches Gutachten des Hamburger klinischen Psychologen Dr.

00:31:27: Herbert Meisch.

00:31:29: Er stellte fest, dass Bäcker seine Homosexualität zur Tatzeit vollständig akzeptiert hatte.

00:31:36: Es gebe keinen Anhaltspunkt für eine sexuelle Motivation gegenüber Frauen.

00:31:41: Auch eine erhöhte Suggestibilität verneinte Maisch deutlich.

00:31:45: Otto Becker habe vielmehr eine ausgeprägte Autoritätsabhängigkeit gezeigt, einen Umstand, den die Kriminalpolizei unbewusst ausgenutzt habe.

00:31:55: Schließlich trat auch der Mann aus der Spurenakte neunfünfzig Helmut Harinek in den Fokus.

00:32:02: Er wurde aus der Sicherungsverwahrung als Zeuge aufgeführt.

00:32:06: Heinrich Hannover listete in seinem Plädoyer einundzwanzig Indizien gegen ihn auf.

00:32:11: Rückblickend ist der Freispruch von Otto Becker kaum weniger schütternd als seine Verurteilung.

00:32:17: Denn er war das Ergebnis einer Verkettung von Zufällen, formalen Fehlern und individueller Zivilcourage.

00:32:24: Ohne einen extrem seltenen Revisionsgrund, ohne den unbequem Einsatz eines Verteidigers, wäre das Fehlurteil rechtskräftig geworden.

00:32:33: Tatsächlich gehört das Urteil des Schwurgerichts Bremen vom vierzehnten Januar fünfundsebzig zu den graviensten Fehlurteilen, die die Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland in einem Mordverfahren kennt.

00:32:44: Zwar muss eingeräumt werden, dass das Urteil nie rechtskräftig geworden ist, doch das ist nicht der Stärke des Rechtsstaates zu verdanken, sondern einem glücklichen Zufall und Verteidiger Heinrich Hannover.

00:33:00: Es vergehen fast vierzig Jahre, in denen der, wie es medial immer wieder beschrieben wird, erste Diskomort der Bundesrepublik Deutschland kalt bleibt.

00:33:10: Staatsanwalt Uwe Pikar hat der Fall nie losgelassen.

00:33:14: So lässt er sich, zusammen mit einer kleinen Ermittlungsgruppe, die Akte nochmal zukommen und geht sie erneut durch.

00:33:21: Gezielt suchen sie nach Punkten, an denen frühere Ermittlungen möglicherweise zu kurz gegriffen haben.

00:33:26: Und so stoßen sie auf die als verloren geglaubte Akte, hundertfünfunddreißig.

00:33:39: Staatsanwalt Uwe Pikar, für Kapitalverbrechenswuständig, hatte den Fall Kamenkampa als Cold Case übernommen.

00:33:46: Uwe Pikar, Kripo-Chef Helmut Mojen und die Kriminalbeamten Sven Bergmann und Kai Höchel machten sich mit Tarnofischer Kribie und Besessenheit an die Arbeit.

00:33:56: In einer Frühlingsnacht-Zweißen-Elf rekonstruieren sie das Geschehen am Ostlapshauser Bahnhof.

00:34:01: Die Erkenntnis daraus, Zitat, man kommt an Spurenakte hundertfünfunddreißig nicht vorbei, sagt Uwe Pikar in einem späteren Interview.

00:34:10: Die Akte handelt von einem Wachmann mit Kotleten, der zur Tatzeit vierunddreißig Jahre alt war.

00:34:16: Den Namen des Mannes habt ihr bereits gehört.

00:34:19: Hermann E. Auch er war in den Siebzigern in Verlacht geraten, aber Zitat, der entscheidende Sachbeweis habe gefehlt.

00:34:27: Diamitler prüfen alles.

00:34:29: Zeugenaussagen von damals und die Wege des Wachmannes, die auf seiner Kontrollroute fahren musste.

00:34:35: Den entscheidenden Sachbeweis, der alles verändern sollte, finden Sie im Archiv des Bundeskriminalamts.

00:34:41: Aber kurz zurück zu den Ermittlungen.

00:34:44: Mit Unterstützung der Staatsanwaltschaft durch UVPK gelingt es Ihnen für eine Nacht ein Zug anzumieten und exakt jene Strecke abzufahren, die damals auch der Zug .

00:34:55: Ziel ist es, die Perspektive des Zugzeugen nachzuvollziehen und mit eigenen Augen zu prüfen, was er in der Tat nach tatsächlich gesehen haben konnte.

00:35:04: Auch die an Kamenskleidung gefundenen Haare werden erneut untersucht.

00:35:09: Sie sind der damaligen Beweismittelvernichtung entgangen, da sie sich anders als viele andere Aservate beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden befanden.

00:35:17: Andere Beweise, wie zum Beispiel Spermerspuren, wurden Jahre später nach dem Urteil an Otto Becker vernichtet.

00:35:24: Ein weiteres zentrales Beweistück sind Kamens Schuhe.

00:35:27: Am Tag ihrer Ermordung trug sie schwarze kurze Lederschuhe.

00:35:32: Jahrelang war man davon ausgegangen, dass sie freiwillig zu den Grünstreifen gegangen sei, möglicherweise um sich zu erleichtern.

00:35:38: Diese Annahme zufolge hätte, kamen jedoch die gesperrte steinige Bahnstrecke überqueren müssen, da die Grünfläche vom Bahnhof aus sonst nur über ein Umweg erreichbar gewesen wäre.

00:35:48: An Kamens Schuhen fanden sich jedoch keinerlei Kratzer.

00:35:52: Wäre sie über den Schotter gegangen oder geflüchtet, hätten deutliche Beschädigungen sichtbar sein müssen.

00:35:57: Um diese Frage zu klären, stellen die Ermittler im April, den angenommenen Bewegungsablauf von Carmen nach.

00:36:09: Für die folgende Aufgabe haben die Kommissare in der gesamten Polizei Bremen nach geeigneten Kandidatinnen gesucht.

00:36:15: Frauen, die in etwa die Größe und das Gewicht von Carmen Kampa haben.

00:36:21: Ja, sinnig.

00:36:23: Es ist letztendlich egal.

00:36:24: Versuch hier sinnig runterzukommen und dann darüber zu laufen.

00:36:28: Ja.

00:36:30: Mehrere Kolleginnen der Polizei laufen in Lachschuhen vom Bahnsteig bis zum Grünstreifen.

00:36:36: Das Ergebnis ist eindeutig.

00:36:39: Sämtliche Schuhe weisen danach deutliche Krattspuren auf.

00:36:44: Zudem fällt den Ermittlern auf, das kam ins Leiche zwar auf den beschriebenen Grünstreifen gelegen haben muss, jedoch rund hundertfünfzig Meter entfernt von der Stelle gefunden wurde.

00:36:53: an der sich der Kampf abgespielt haben muss.

00:36:56: Der tatsächliche Fundort war vom Zug aus nicht einsehbar.

00:37:00: Die Ermittler kommen daher zu der Frage, ob Carmen möglicherweise getragen wurde.

00:37:05: Auffällig ist zudem die Lage der Leiche.

00:37:09: Die Position der Arme wirkt untypisch für einen natürlichen Sturz oder ein Zurücklassen am Tatort.

00:37:15: Nach einigen Rekonstruktionen verdichtet sich die Annahme des Karmen nach der Tat an den späteren Frontort verbracht und dort in einer bundeswehrähnlichen Griffart abgelegt wurde.

00:37:26: Doch warum sollte der Täter diesen zusätzlichen Aufwand betrieben haben, fragt sich Staatsanwalt Uwe P.K Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefern Untersuchungen an den Socken, die kamen in dieser Nacht trug.

00:37:38: Auch sie waren erhalten geblieben.

00:37:40: An ihnen finden die Ermittler gefärbte Kunstpflanzenfasern, wie sie typischerweise in Fußmatten vorkommen.

00:37:47: Durch aufwendige Vergleichsanalyse gelingt es den Ermittlern, diese Fasern auf Fußmatten umliegender Firmengebäude einzugrenzen.

00:37:55: Im Jahr ein siebzig waren diese Firmen nachts geschlossen, die leglich wachpersonal hatte Zugang.

00:38:00: Eines der Gebäude befand sich unmittelbar neben dem späteren Fundort der Leiche.

00:38:05: Carmen Camper wird in der Nähe der Gleise angegriffen, vergewaltigt und getötet.

00:38:11: Während des Kampfes wird sie von dem Druckerei-Arbeiter aus dem Zug um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die Zeit um die.

00:38:33: Da in den siebziger Jahren außergewöhnlich viele Zeugen vernommen wurden, besteht bei den Ermittlern die Hoffnung, den Warentäter auch Jahrzehnte später noch zu identifizieren.

00:38:43: Die Auswertung der umfangreichen Akten nimmt mehrere Monate in Anspruch.

00:38:48: Besonders ins Auge fällt dabei die gerade erwähnte Spurenakte Hundertfünfunddreißig vom Wachmann Hermann E., der in der Tat nach Dienst hatte.

00:38:58: Auffällig ist, dass er ausgerechnet die Firma direkt am Bahnhof als letzten Kontrollgang nicht kontrollierte.

00:39:05: Seine Tour begann um kurz nach elf und endete normalerweise gegen dreiundzwanzigundreißig.

00:39:11: Zur Tatzeit hätte Hermann E. also die Firma am Bahnsteig kontrollieren müssen und wäre damit ein potenziell wichtiger Zeuge gewesen.

00:39:19: Zwei tausend elf bewerten die Ermittler diese Aspekte neu.

00:39:23: In der Nähe des Tatorts war damals ein Stofftaschtuch gefunden worden, das laut Aussage von Hermann E.S.

00:39:29: Ehefrau ihm gehörte.

00:39:31: Dies widerspricht seiner Behauptung, er habe die Nacht zu Hause verbracht, seine Arbeitszeit manipuliert und geschlafen.

00:39:38: Die Ermittler können Hermann E.S.

00:39:40: Schwester kontaktieren und diese erklärt sich bereit, eine Speicheprobe abzugeben.

00:39:46: Der DNA-Abgleich mit den beim Bundeskriminalamt gesicherten Haaren bringt schließlich die Finale Gewissheit.

00:39:53: Die an Kamens Kleidung gefundenen Haare stammen eindeutig vom Wachtmeister Hermann Ehe.

00:39:59: Damit gilt es als gesichert, dass Hermann Ehe in der Nacht vom ersten auf den zweiten Mai, die siebzehnjährige Carmen Camper getötet hat.

00:40:09: Vermutlich versteckte sich Hermann Ehe mit der Leiche von Carmen in einem der Firmengebäude und legte den Körper erst nach Abzug der Polizei auf dem Grundstreifen ab.

00:40:18: In der Ausnahmesituation vergaß er offenbar, seine Kontrollkarte am letzten Kontrollpunkt zu stempeln.

00:40:25: Die beiden damals so unrecht verurteilten und angeklagten Otto Becker und Helmut Harinek erleben beide nicht mehr, dass die Spurenakte Hundertfünfdreißig im Infekt zur Aufklärung führen würde.

00:40:37: Beide sind mittlerweile verstorben.

00:40:41: Auch eine strafrechtliche Aufarbeitung des Wahrenteters ist leider nicht mehr möglich.

00:40:47: Hermann E. war bereits im Jahre Zwei-Tausendrei verstorben, Er wird sich nie für seine Tat verantworten müssen.

00:40:54: So wird es keine Antwort mehr geben auf die Frage warum Carmen Camper sterben musste, aber der Mörder hat zumindestens ein Gesicht.

00:41:02: Die Ermittler haben Carmen's Mutter, die noch lebt, davon berichtet.

00:41:06: Sie hat sich über unsere Nachricht gefreut, sagt Staatsanwalt Uwe Pika.

00:41:10: Mord verjährt nicht.

00:41:16: Ihr Lieben Das war's für heute in meiner neuen Folge von meinem Podcast Ansoft und dem wirklich grausam Schicksal von Carmen Camper.

00:41:25: Dieser Fall ist, finde ich persönlich, in so vielen Punkten so besonders, wenn es um Codecases geht und wenn man über diese Fälle spricht und gleichzeitig auch so erschütternd, denn nicht nur Carmen und ihre Familie ist in diesem Fall Opfer von einer grausamen Tat.

00:41:43: sondern eben auch mehrere Angeklagte und eben ganz besonders der sogar verurteilte Otto Becker.

00:41:49: hätte er nicht in Haft dem wirklich tollen Verteidiger Heinrich Hannover geschrieben und ihn dann an seiner Seite gehabt, wäre er ja tatsächlich für eine lange Zeit des Lebens unschuldig in den Knast gegangen.

00:42:04: Das ist wirklich extrem erschreckend, wie manchmal solche Urteile dann doch durchgehen, obwohl es eigentlich ziemlich viele Indizien geben, die dafür sprechen, dass derjenige unschuldig ist.

00:42:17: Fehlurteile gibt es immer, das kann man nicht verhindern, aber ich finde umso schöner ist es zu sehen, dass es dann eben doch einige gibt, die positiv verlaufen sind.

00:42:27: Ein letztes schönes Detail würde ich ganz gerne noch erwähnen, der Weg hinter der Firma am Bahndamm in Bremen, wo Carmen damals ums Leben gekommen ist, trägt heute den Namen Carmen Camperweg, ich habe das vorhin als ich mir bei Google Maps nochmal die ganzen Orte angeschaut habe gesehen und ja, ich finde das eine sehr, sehr schöne Geste der Stadt Bremen, um diese Schicksal einer jungen Frau unvergessen zu machen.

00:42:53: Ich verlinke euch natürlich wie immer alle spannenden Dokus und Interviews und Artikel, die ich zu diesem Fall gefunden habe, die findet ihr in den Show Notes.

00:43:02: Und auf meinem Instagram Kanal ansoft.podcast findet ihr natürlich wie immer noch einige begleitende Fotos.

00:43:08: Auch vom Tatort und von den einzelnen Personen, um die es heute geht.

00:43:13: Schaut dort gerne vorbei und hinterlasst mir gerne wie immer ein Kommentar oder eine Nachricht.

00:43:18: Da freue ich mich natürlich wie immer sehr drüber.

00:43:22: An dieser Stelle, ihr Lieben, hören wir uns in zwei Wochen wieder zur neuen Folge, bei der wir dann in den Norden reisen werden, ins wunderschöne Hamburg, meine zweite Lieblingsstadt.

00:43:33: Auf diese Folge und ein eventuelles Interview, das steht leider noch nicht ganz fest, freue ich mich sehr und bin sehr gespannt auf eure Meinung zu diesem sehr mysteriösen Verschwinden, um den es in der nächsten Folge geht.

00:43:47: Also dann, ihr Lieben, wir hören uns.

00:43:50: Bis bald.

00:43:57: Das war Unsolved, Mord verjährt nicht.

00:44:01: Ein Podcast von Sebastian Lemke und German True Crime.

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